Sorgenetze knüpfen im ländlichen Raum!? von Bischöfin Dr. Beate Hofmann

Auszug aus der Rede der Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Dr. Beate Hofmann anlässlich unseres Neujahrsempfangs am 12.02.2020

Wie kann es gelingen, solche Sorgenetze zu knüpfen? Warum ist das wichtig? Und welche Aspekte sind dabei bedeutsam?

[...] Wenn wir über „Versorgung“ im ländlichen Raum nachdenken, dürfen wir nicht nur über Sorgebedarfe und Versorgungsangebote nachdenken. Wir müssen über Beteiligungsmöglichkeiten nachdenken und immer auch nach Sorgepotenzialen, nicht nur nach Sorgebedarfen fragen. Das ist ein Paradigmen- und ein Kulturwechsel in dem, wie wir Sorgenetze denken und gestalten. Wenn wir bei Sorgenetzen nur auf Bedarfe und Bedürftige blicken, auf das, was Sorgen macht, übersehen wir die Potenziale und die Kernfragen von Sorge: Darum geht es nicht nur um physische Pflege, sondern um Eingebunden sein, um Kommunikation, um geteilte Verantwortung und vielfältige Sorgeformen. Caring communities, sorgende Gemeinschaften, das Leitbild des 7. Altenberichts der Bundesregierung von 2016, betont daher das Leitbild der Zugehörigkeit. Und er macht deutlich: Stabile Sorgestrukturen können nur entstehen, wenn wir ganz unterschiedliche Akteure miteinander vernetzen und diese bereit sind, zu kooperieren. Diese Form des „WelfareMix“, also der Kombination von familiärer, nachbarschaftlicher, ehrenamtlicher, professioneller und technologischer Unterstützung, ist aus meiner Sicht alternativlos. Denn wir werden uns angesichts der demografischen Entwicklung in unserem Land eine rein professionelle Versorgung überhaupt nicht leisten können, zumal dafür nicht nur die Gelder, sondern auch die Pflegekräfte fehlen. Darüber kann man jammern oder aber mit dem arbeiten, was an Potenzialen da ist, und miteinander das soziale Netz weiterentwickeln und zukunftsfähig und nachhaltig gestalten, in dem wir leben.
[…] Soziale Sorge wird vom Staat, also von uns allen durch unsere Steuern und Sozialbeiträge, finanziell unterstützt und rechtlich geregelt. Dabei bewegen wir uns im Jahr 2020 in einem sehr komplexen Netz von Regelungen und Zuständigkeiten, in dem sich viele Menschen eher verheddern. Vor allem die Versäulung der Hilfesysteme (Sozialgesetzbücher) und die Bürokratisierung erschweren den Akteurinnen und Akteuren vor Ort oft effektives Sorgehandeln. Die niederländische Pflegeorganisation Buurtzorg, zu deutsch Nachbarschaftshilfe, macht uns im Moment mit atemberaubendem Tempo vor, wie das anders gehen kann. Buurtzorg arbeitet mit dem Prinzip „Menschlichkeit vor Bürokratie. […] Entscheidung über Ressourceneinsatz und eigene Gehälter und bietet im Hintergrund eine intensive Coaching-und Kommunikationsstruktur sowie gute digitale Unterstützung und Dokumentation an. Buurtzorg hat innerhalb weniger Jahre den niederländischen Pflegemarkt total umgekrempelt. Den traditionellen Anbietern laufen die Mitarbeitenden weg, weil sie die Arbeitsweise von Buurtzorgals ihrem Pflegeethos gemäßer empfinden und die Freiheit und Selbständigkeit schätzen. Über 20 000 Pflegekräfte hat die Organisation inzwischen. Und sie arbeitet kostengünstiger als traditionelle Anbieter, weil sie Ressourcen sinnvoll verknüpft und passgenaue Hilfe organisiert. […] Mitte der 1990er Jahre ist das Sorgenetz in unserer Gesellschaft ökonomisiert worden. Der Wettbewerb unterschiedlicher Anbieter wurde staatlich gewollt und herbeigeführt, zugleich aber auch reguliert. Er führt dazu, dass An-bieter einander im Modus der Konkurrenz begegnen und Kooperation erschwert wird. Modelle der Koopetition oder Koopkurrenz werden zwar gedacht, manch-mal auch praktiziert, aber nicht politisch gefördert. Ich glaube, dass das ökonomisierte Modell von Sorge in unserem Land gerade an seine Grenzen kommt. Es fördert die Bildung riesiger europaweiter Sozial-konzerne, die standardisierte Schemapflege organisieren und lokale Netze und ambulante Strukturen auffressen oder ignorieren. Und es gibt immer mehr Menschen, die durch die Strukturen dieses Netzes fallen, weil die Wege zu weit, der Bedarf zu groß oder das vorhandene Geld zu gering ist. Ein solidarisches Miteinander braucht ein Denken vom Menschen her und muss regionale Gegebenheiten und Potenziale nutzen. Nur in einer auf Solidarität basierenden Kultur des Zusammenlebens werden wir in ländlichen Räumen in der Lage sein, tragfähige Sorgenetze zu knüpfen und zu erhalten. […] Und ich sehe es als meine Aufgabe, die Potenziale, die Kirche und Diakonie haben, in die Gestaltung tragfähiger Sorgenetze einzubringen. Denn Kirche ist mit ihren diakonischen Einrichtungen ja nicht nur ein Player im staatlichen Sorgesystem, sie ist zugleich eine wichtige Stütze der Zivilgesellschaft. […] Aus meiner Sicht ist die Zeit vorbei, in der wir Sorgenetze nur in lokalen Modellprojekten und unter der Obhut einzelner Akteure ausprobieren. Ich glaube, es ist bitter nötig, regional zu denken und Sorgenetze über Kommunen hinweg zu knüpfen und miteinander zu überlegen, wer die Kümmerer sind, wie Menschen beteiligt und Strukturen agilisiert werden können und die vielen guten Einzelinitativen sinnvoll verknüpft werden können, damit wir mit den Menschen, nicht nur für sie Sorgenetze gestalten. Und damit meine ich nicht eine Kette von Sorgen und Jammern, sondern vielfältige Formen des Kümmerns um das Wohlergehen einzelner vernetzt mit dem Wohlergehen von Nachbarschaften, Dörfern und Landkreisen. Solche Sorge können wir entwickeln und Netze knüpfen, weil wir davon befreit sind, uns vor allem um uns selbst zu sorgen. Für uns ist gesorgt. „All Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Auf diese Basis stellt Gott unsere Sorgearbeit.

Mehr Informationen:
Zum Weiterlesen der gesamte Text der Rede vom 12.2.2020 von als pdf (Quelle: www.ekkw.de)
Zum Hören die Rede vom 12.2.2020 als Audiodatei

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Dr. Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Foto: medio.tv/Schauderna